Verfasst von: Barbara & Didier | Mai 6, 2011

Von Usbekistan nach Kirgistan

Bishkek, 06.05.2011, 12‘200 km

Liebe Blogleser
Es ist ja irgendwie paradox: Während wir seit über einem Monat unseren eigenen Blog nicht mehr anschauen geschweige den moderieren können – die Polizeistaaten lassen grüssen – seid ihr gemäss der Statistik ganz schön fleissig am Lesen. Das freut uns natürlich sehr und wir sagen Merci für Euer Interesse!
Bevor wir Euch nun nach Kirgistan entführen zuerst noch ein paar Anekdoten aus Usbekistan. Zufällig fanden wir an unserem letzten Tag in Bukhara noch die richtige Versicherungsgesellschaft, bei der wir die nötige Auto-Haftpflicht abschliessen konnten. Da passierte wieder einmal erstaunliches: Während Didier im Gebäude innert einer Stunde das nötige Papier mit den Worten „Be our guest“ geschenkt bekam, wurde Barbara im Pfusbus von einer Schar Polizisten umringt und auf russisch über Reisepläne, Kinderanzahl, Autoherkunft etc. ausgefragt. Als Didier schliesslich zurück kam baumelte um ihren Hals ein Talisman mit einem Wolfszahn und einer Wolfsklaue! Die nette Geste von den ach so korrupten Polizisten hat uns sehr beeindruckt, der Wolf tut uns allerdings schrecklich leid. Auch sind wir bisschen unsicher, was die Schweizer Zöllner zu unserem Souvenir sagen werden, aber das dauert ja noch eine Weile… Item, nach anstrengender Fahrt über teilweise katastrophale Strassen sind wir müde in Samarkand angekommen und wen treffen wir da? Claire und Clive aus London resp. Neuseeland, mit welchen wir bereits in Bukhara gesprächsintensive Abende verbracht hatten. Die beiden sind über 10 Jahre pensioniert und bereisen seither die Welt etappenweise mit dem Rucksack. Mit Traditionen soll man nicht brechen, darum sassen wir auch in Samarkand abends wieder am selben Tisch. Per Zufall gesellten sich auch noch Vincent aus Belgien und Marc und Johanna aus Fribourg dazu. Die beiden Westschweizer lebten 2 Jahre in Saigon und reisen jetzt Überland zurück in die Heimat. Sie kippten fast aus den Schuhen, als sie das FR-Nummernschild vom Pfusbus sahen, welcher im Innenhof des B&B ein sicheres und schattiges Plätzchen zum Ausruhen genoss.
Samarkand, die weltberühmte und einst wichtige Handelsstadt an der Seidenstrasse, hat drei eindrückliche Medressen und Moscheen im Zentrum, konnte uns aber ansonsten nicht richtig begeistern. Es fehlte der Charme, alles wirkte künstlich aufgeräumt und roch ein bisschen nach Touristenfalle. Highlight war die haarsträubende und notabene illegale Besteigung eines Minarettes. Nicht dass wir von alleine auf diese Idee gekommen wären. Ein Polizist hat Didier flüsternd angesprochen mit „Mister, you want gos tower?“ Für umgerechnet 5 Stutz, die in sein eigenes Portemonnaie wanderten, schleuste er uns dann einzeln durch abgesperrte Gatter rauf über die Dächer der Stadt, so genial.


Registan in Samarkand


So sehen hier die (Koran-) Schulen aus. Medressa in Bukhara

In Tashkent waren wir einmal mehr mit Visaorganisation beschäftigt, was zeitintensiv ist und an unseren Nerven zehrte. Zum Beispiel sagte die Schweizer Botschaft in Ulaan Baatoor, die von uns präferierte Grenze sei für Schweizer geschlossen. Die mongolische Botschaft in Genf antwortete, dieselbe Grenze sei offen… Auch auf die Frage ob die beiden Grenzübergänge von Usbekistan nach Kirgistan für Touristen offen sind (für die lokale Bevölkerung sind sie geschlossen) erhielten wir vom EDA und DEZA verschiedene Antworten. Da soll noch einer schlau werden. Wir denken oft an Antoine und Christoph, welche wir im Iran angetroffen haben, und deren Leitspruch wir verinnerlichten: Trop facile c‘est pas notre style! Wie es sich für Abenteurer gehört, wagten wir schliesslich die Fahrt ins Fergana Valley, um dort unser Glück an der Grenze bei Osh zu versuchen. Gemäss unserer wertvollen Informationsquelle Lydia, sie lebt und arbeitet seit einigen Jahren in Kirgistan, sei die Stadt noch von den schweren Unruhen 2010 gekennzeichnet, aber momentan ruhig. Nach einer zweistündigen Pfusbusdurchsuchung mit Drogenhund, Sitzeaufstechen und weiteren Schikanen auf usbekischer Seite mussten wir den erkälteten kirgisischen Grenzbeamten einzig mit einer Vitamintablette bestechen und nach nur gerade 20 Minuten waren wir im Land. Es geht also auch unkompliziert… Auch in Kirgistan wimmelt es nicht gerade von Ortsschildern und Wegweisern und weil unsere Strassenkarte, obwohl Ausgabe 2011, öfters versagte, dauerte es ein Weilchen, bis wir schliesslich das Bergdorf Arslanbop erreichten. Auf dem Dorfplatz nahm uns Hayat von der Organisation Community Based Tourism (CBT) gleich in Empfang als hätten wir dort abgemacht. Wenige Minuten später stand der Pfusbus auf dem Hof eines kirgisischen B&B, wo es erstmals Cay unter blühenden Apfelbäumen gab. Während sich Didier Dostojewskij widmete, so eine Russlandreise will schliesslich vorbereitet sein, kriegte Barbara Unterricht im Brotbacken.


Im kirgisischen Gartenhäusschen.


Die Fladen werden befeuchtet und an Wand und Decke des Ofens geklebt.


Sooo lecker!

Eigentlich stand uns der Sinn mehr nach wildem Campen nach den vielen Zwangs-Hotelnächten in Usbekistan, aber da wir CBT ein unterstützenswertes Projekt finden und wir einen spannenden Einblick in den kirgisischen Alltag erhalten haben, sind wir drei Nächte geblieben. Die von der Helvetas ins Leben gerufene Organisation vermittelt in ganz Kirgistan Unterkünfte, Trekkinguides und Pferde und ermöglicht so den Einheimischen eine willkommene Einkommensaufbesserung und den Touristen einen authentischen Aufenthalt. In Arslanbop bieten Hayat und seine Staff seit kurzem auch Skitouren an. Das Skifahren, so erzählten sie uns, hat ihnen vor allem Lydia beigebracht. Nun möchten sie auch Mountainbiking ins Programm aufzunehmen. Da es sowohl an Material, Fahrtechnik und Reparaturkenntnissen mangelt, hat Hayat uns angeboten, eine Saison lang gegen Logis im Dorf zu arbeiten und den Jungs von CBT das Biken beizubringen. Nun, wir sind es uns am Überlegen! Wenn es auch jemanden von Euch liebe bikende Blogleser interessiert oder ihr euer altes Bike für einen guten Zweck weitergeben möchtet, einfach bei uns melden.
Statt mit dem Bike erkundeten wir tags darauf die Umgebung hoch zu Pferd. Leider regnete es den ganzen Tag nur einmal, und das wie aus Kübeln. Als wäre nicht allein die Tatsache auf einem Pferd zu sitzen für uns Reitbanausen genügend spektakulär, förderten auch noch steile Abhänge, rutschige Pfade und die Querung eines reissenden Baches den Adrenalinausstoss. Im gefahrlosen Baumnusswald, dem grössten der Welt, war gerade Morchelsaison, vom Pferderücken aus haben wir leider keine gesichtet. Den letzten Abschnitt bis zu einem 80 Meter hohen Wasserfall absolvierten wir dann ohne Vierbeiner, aber trotzdem auf allen Vieren. Phuu war das steil! Gelohnt hat es sich allerdings nicht sonderlich (siehe Foto).


Für einmal mit stilgerecht kirgisischem Fortbewegungsmittel unterwegs.


Mit Guide Roma vor dem unsichtbaren Wasserfall.


Die Farben sind echt!

Schliesslich forderten die Strapazen auch bei den Tieren ihren Tribut und nach einem Stolperschritt von seinem Pferd landete Didier kopfüber auf dem Boden. Der Mountainbike-Sturztechnik sei Dank blieb der Reiter unverletzt worüber nicht nur wir, sondern auch die Guides unheimlich froh waren. Klitschnass, aber um ein tolles Abenteuer reicher, erreichten wir nach 5 Stunden im Sattel unser B&B, wo es wegen dem dauernd ausfallenden Strom erst am nächsten Tag eine einigermassen warme Dusche zur Belohnung gab.


Interkultureller Huttausch: Kirgisenhut und Kopftuch gegen Schweizer Edelweiss-Mützen.

Nach 24 Stunden sinnflutartigen Regenfällen strahlte die Sonne wieder vom Himmel und wir kurierten den Reit-Muskelkater während der Fahrt Richtung Norden aus. Die Hauptstrasse war abgesehen von einigen Felsstürzen wegen dem Unwetter in angenehm gutem Zustand, die Gegend beeindruckend und der Pfusbus meisterte den ersten 3000er ohne Probleme.


Und plötzlich waren wir wieder im Schnee.

Die spektakuläre Landschaft machte Lust auf mehr und so schwenkten wir spontan nach rechts um den Highway von Suusamyr nach Kochkor unter die Räder zu nehmen. Unsere Landkarte hat bei der Namensgebung ziemlich geblufft, entpuppte sich die Strasse doch nur als Holperpiste. Die grandiose Landschaft machte jedoch alle Strapazen wett, schaut selber:

Längst waren wir uns gewohnt, auf kirgisischen Strassen jeder Grösse immer wieder auf Schaf-, Kuh-, oder Pferdeherden zu treffen, welche von Hirten hoch zu Ross oder Esel vorangetrieben wurden. Deshalb staunten wir nicht schlecht, als uns mitten im Niemandsland plötzlich jemand auf einem Drahtesel entgegen kam. Pete ist via China, Kasachstan, Kirgistan und Tajikistan unterwegs nach Afghanistan und radelt für einen guten Zweck. Da sagen wir nur „Chapeau“!
Auf über 3000 Meter gleich hinter den Schneebergen lag verborgen der See Somköl, wo wir uns ein wunderschönes Plätzchen zum Campen erhofften. Laut den Locals sei die Piste um diese Jahreszeit nur per Jeep oder aber– ist ja logisch – auf dem Pferderücken zu schaffen. Probieren geht über studieren dachten wir, nach drei Kilometer mussten wir aber dem Pfusbus zuliebe kapitulieren. Wir wollen ja noch den einen oder anderen Kilometer mit ihm unterwegs sein. Doch auch das Ersatz-Stellplätzchen gleich hinter dem Kyzart-Pass liess unsere Herzen höher schlagen. Es schläft sich wunderbar umgeben von nichts als Sternenhimmel, Bergen, Schafen, Pferden und einer einzelnen Jurte. Wir haben drum auch gleich um eine Nacht verlängert und verbrachten den Tag mit Faulenzen, Wäsche waschen und Lesen. Gelegentlich kam ein Hirte zu einem Schwatz vorbei, eine Schafherde graste friedlich neben dem Pfusbus oder eine Pferdeherde galoppierte über den Hügel. Um nicht ganz einzurosten, entschieden wir uns nachmittags, einen der zahlreichen Hügel zu erklimmen. Gleich zu Beginn der Wanderung hiess es Schuhe ausziehen, war doch der Bach mit Schmelzwasser angeschwollen und trockenen Fusses nicht mehr passierbar. Zwei wunderschöne Stunden später, wir wollten uns gerade bücken, um erneut die Schuhbändel zu öffnen, erschienen zwei äusserst aufmerksame Hirten und holten die beiden verblüfften Touristen zu sich auf die Pferderücken. Dann gings über den Bach weiter bis zum Pfusbus. So geht das…


Abends um 6.


Morgens um 6.


Statt nasse Füsse gabs nasse Hufe.

Mit der Idee endlich den neuen Post aufzuschalten und uns weiter um das Mongoleivisum zu kümmern steuerten wir tags darauf das Dorf Kochkor an. Das einzige Internetkaffee hatte allerdings gerade kein Netz und auch einen Tag warten hat nichts gebracht, dann war es nämlich entgegen den Aussagen des Besitzers geschlossen. Wir nutzten die Zeit, um auf dem Basar die Vorräte aufzustocken, genossen bei unserer Gastfamilie eine russische Bagna (so eine Art Sauna mit Holz geheizt) und verbrachten einen tollen Abend mit den beiden Backpackern Martin und Marta aus Marseille.
Am Ysikköl See konnten wir einen kleinen Kieselstrand für einen Tag und eine Nacht unser eigen nennen und Didier läutete mit einem Sprungs ins eiskalte Wasser die Sommersaison ein.
Jetzt sind wir in Bishkek und bereiten uns geistig auf den morgigen Grenzübertritt nach Kasachstan vor. Auf dass es wieder einfach geht!


Auf bald, liebe Grüsse von den Pfusbüsslern


Responses

  1. Liebe Barbara, lieber Didier,
    wir sind ein Schweizer Paar, zur Zeit mit unserem eigenen Auto unterwegs in Usbekistan. Wir haben in eurem Blog von der Autohaftpflichtversicherung gelesen, die ihr schlussendlich in Bhukara abschliessen konntet. Wir stehen noch vor dieser Herausforderung. Könnt ihr euch an den Namen der Versicherung erinnern? Vielen Dank für einen Tipp! Grüsse, Sandra

  2. Fahre mit der Familie nächstes Jahr los nach Russland. 2-3 Monate
    Danke für die Tips und schönen Beiträge.

    Gruss

    Nico

  3. Hallo Ihr zwei
    Wenn bei uns im Büro die Hölle los ist, gehe ich als Entspannung auf Eure Website. Es ist echt toll, was Ihr bereits alles erlebt habt und die Bilder sind wahnsinnig schön und entfachen bei mir immer wieder Fernweh-Gefühle. Merci, dass ich Eure Reise so miterleben darf.

    Liebe Grüsse
    Sylvia von SWISSCOFEL

  4. Ich bin eben das erste mal auf den Blog gekommen. Gefaellt mir bis jetzt sehr.


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