Verfasst von: Barbara & Didier | Mai 19, 2011

Von Kirgistan via Kasachstan nach Russland

Barnaul, 19.05.2011, 14‘472 km

Priviet miteinander!
Wir melden uns aus Sibirien, genauer gesagt aus der Stadt Barnaul. Hier müssen wir zwangsläufig eine Nacht im Hotel verbringen, um uns in Russland offiziell registrieren zu lassen. Das ist immer so eine Sache mit dieser Registriererei, doch alles schön der Reihe nach: Unsere letzte Nacht in Kirgistan verbrachten wir downtown Bishkek im heruntergekommenen Innenhof von einem Backpackers. Doch da es sowieso die ganze Zeit in Strömen regnete, war die Umgebung egal, Hauptsache im Pfusbus wars trocken und warm. Nicht egal war allerdings die Tatsache, dass uns sämtliche Bankomaten Bargeld verweigerten, obwohl wir sage und schreibe 4 Kreditkarten unser Eigen nennen können. Weder die Post noch die Viseca haben auf unser Beschwerdemails geantwortet, soviel zum Schweizer Kundendienst. Wie auch immer, die letzten kirgisischen Banknoten hat uns die Polizei ein paar Meter vor dem Zoll abgeknöpft, weil wir angeblich ein Stoppschild missachten hatten. So mussten wir uns an der Grenze wenigstens nicht mehr um den Geldwechsel kümmern, man muss solche Sachen ja immer von der positiven Seite sehen, nicht war. Die Kirgisen liessen uns an der Grenze ohne Schikane weiterziehen, nicht aber die Kasachen. Die standen bereits mit Hunden bereit und wollten entweder den Pfusbus durchsuchen oder aber Schweizer Schokolade vertilgen. Didier entschloss sich dankbar für die zweite Variante, verteilte die kostbare Toblerone und konnte Barbara nach einer halben Stunde in Kasachstan wieder aufladen. Der Beifahrer muss in manchen Stan-Ländern nämlich zu Fuss über die Grenze und kriegt überhaupt nicht mit, was mit Fahrer und Fahrzeug passiert. Das mögen wir gar nicht. Nach nur gerade 3 Polizeistopps auf knapp 180 km erreichten wir Almaty, mit gegen 2 Millionen Einwohnern die grösste Stadt Kasachstans. Wie gewohnt gings erst mal mitten durchs Zentrum, bevor wir das Wiedersehen mit unseren Türkei-Iran-Grenzübertritt-Gspändli feiern konnten. Wir hatten uns nämlich für ein Campingwochenende in den Bergen verabredet, liegen doch die schönsten 4000er quasi direkt vor Almatys Haustüre. Die 4WD-Piste zu einem abgelegenen Hochtal hatte es in sich, der Pfusbus hielt aber wacker mit dem Suzuki Jimny und dem Mitsubishi Pajero mit. Beim Eindunkeln installierten wir auf über 3500 müM unser Camp direkt neben einem Bach. Als am nächsten Morgen die Sonne durch die Nebelfetzen strahlte, schien das Glück perfekt. Doch ein bisschen später tanzten kleine weisse Flocken vom Himmel, die grösser und grösser wurden…


Nein, so hatten wir uns das nicht vorgestellt.


Krisensitzung Nr. 7 von 10.

Das goldene Zitat von Cem während der 6. Krisensitzung: „I’m trying to figure out if we are brave or just stupid.“ Barbaras Bemerkung dazu: “If we survive we are brave, if we die we were very stupid…”. Ein paar Tage im Schneesturm hätten wir zwar locker überstanden. Wir mussten uns aber innert den vorgeschriebenen 5 Tagen nach Grenzübertritt in Almaty registrieren lassen, keine Ahnung was die Kasachen sonst mit uns angestellt hätten. Da wir das auf keinen Fall am eigenen Leib erfahren wollten (wir haben da schon so einige Schauergeschichten gehört), beschlossen wir nach der 8. Krisensitzung, den Pfusbus von der verschneiten Wiese auf den Weg zurück zu schaffen. Das war leichter gesagt als getan, gelang aber schlussendlich. Nach einer eiskalten Nacht stellten wir erleichtert fest, dass keine zwei Meter Schnee lagen und wir konnten problemlos unser hochalpines Camp verlassen.

Wir bezogen ein für Almaty relativ preiswertes, aber gepflegtes Hochzeits-Hotel etwas ausserhalb der Stadt und machten eine Liste mit Dingen, welche in den nächsten Tagen zu erledigen waren:

• Registration: Besonders wenn in den vorgeschriebenen fünf Tagen ein Wochenende und ein Feiertag liegen, wird‘s langsam eng.
• Visum Mongolei: Wenn der Pass wegen der Registration einen Tag nicht verfügbar, die Botschaft zum besagten Wochenende und Feiertag und auch noch am Mittwoch geschlossen ist, wird’s auch hier eng.
• Neue Reifen für den Pfusbus: Auf russisch genau DIE Reifen suchen, die an den Pfusbus passen und möglichst nach Qualität aussehen. Auch nicht gerade entspannend, besonders wenn man sich tagelang durchs Verkehrschaos quälen muss.
• Einkäufe: In Almaty kann man alles kaufen, was das Herz begehrt, nur wo? Also suchen und Vorräte aufstocken.

Kurz und gut, nach vier Tagen, 260 km im Verkehrschaos (die Stadt ist wirklich gross…), ermüdenden Märschen durch den riesigen Autoteilebasar, nervenaufreibenden Szenen bei der Registration („Ja, zum vierten Mal, wir wollen die Pässe heute noch zurück, sonst sehen wir bei der Polizeikontrolle alt aus, gopf“) war alles geschafft. Sogar Milchpulver haben wir gefunden, war ganz lustig dem russischsprechenden Verkäufer zu erklären, was wir wollten. Leider aber konnten wir mit den coolen Offroadreifen das Steuer des Pfusbus nur noch halb einschlagen, weshalb wir uns für herkömmliche Finken entscheiden mussten.
Diese Tage in Almaty haben uns einmal mehr klar gemacht, dass Reisen in diesen Länder mit Ferien nur wenig zu tun hat und die nun anstehenden 3500 km durch Kasachstan und Russland wirkten auf uns auch nicht gerade wie ein Trip auf die Malediven.

Just fürs nächste Wochenende trafen wir uns wieder mit Roelene, Cem, Muberra und Secim, welche ausserhalb der Stadt an einem idyllischen See auf uns warteten und mit welchen wir voraussichtlich bis in die Mongolei fahren werden. Im Konvoi ging es also von Almaty aus Richtung Norden. Es macht uns Spass, mit Gleichgesinnten unterwegs zu sein. Man kann Erfahrungen austauschen, ab und zu ein bisschen Verantwortung in der Gruppe aufteilen und ist gleichzeitig auch sicherer unterwegs. Vor allem aber geniessen wir es, abends am Lagerfeuer zusammen zu sitzen und zu kochen, plaudern und lachen.


Endlich kommt unsere Muurika richtig zum Zug. Feuerchef Secim überwacht Küchenchef Barbara.


Ein weiterer wunderschöner Übernachtungplatz.

Die Fahrt durch Kasachstan war geprägt von endloser Steppe, (sehr) schlechten Strassen und vielen Polizisten mit riesigen Hüten. Dank Didiers „Ich-bin-Tourist-und-verstehe-kein-Wort-Russisch-Taktik“ haben wir es ohne jegliche Strafe durchs Land geschafft, was uns doch etwas mit Stolz erfüllte. Die Menschen waren im grossen und ganzen nett und hilfsbereit, sofern nicht total besoffen. Traurig was der Vodka auch in diesem Land für Auswirkungen hat. Die Landschaft war zwar eintönig, aber der unendlichen Weite wegen doch irgendwie faszinierend. Und meistens fanden wir einen tollen Übernachtungsplatz an einem See oder Bach. Wenn „Cem Mc Gregor“ auf seinem Motorrad vor dem Pfusbus dahinknattert, fühlen wir uns jeweils wie im Doku Long Way Round. Nur dass das unser eigenes, reales Roadmovie ist!


Wohlverdiente Pause.


Typisch Kasachstan.


Alles bereit für die Fahrt nach Russland.

Am 18. Mai stand uns ein weiterer Grenzübergang bevor. In der Overlander-Szene kursieren verschiedenste Erfahrungs- und Schauerberichte über die russischen Zöllner. Entsprechend respektvoll standen wir pünktlich um 08.30 Uhr an der kasachischen Seite am Schlagbaum. Doch vorerst passierte eine Stunde lang mal rein gar nichts. Danach stempelten freundliche Zöllner unsere Pässe nach gründlicher Kontrolle ab, die Autos wurden gar nicht angeschaut. Weiter gings auf die russische Seite. Nach einer halben Stunde warten am Schlagbaum dann wiederum eine freundliche Passkontrolle und auf zur Autokontrolle. Jetzt kam’s für unsere Freunde faustdick: Ihnen fehlten die kasachischen Zolldeklarationen für die Fahrzeuge. Wir hatten bei unserem Grenzübertritt aus Kirgistan automatisch ein Doppel bekommen, bei ihrer Einreise von Usbekistan her jedoch wurde dies vergessen. Für sie hiess es nun „zurück auf Start“; wieder auf die kasachische Seite. Auf den ersten Vorschlag der Zöllner, nämlich zurück fahren um es zu holen (sind ja bloss 1400km), gingen sie nicht ein. Man einigte sich darauf, dass in drei Stunden per Fax eine Kopie geschickt werden sollte. Wir Pfusbüsler hatten ja das besagte Dokument und wagten den Alleingang zur russischen Fahrzeugkontrolle. Es geschah unglaubliches: Der Drogenhund schnüffelte 30 Sekunden am Pfusbus herum, ein kurzer Blick des Oberzöllners ins Innere (ohne rumzufingern!) und fertig, wir konnten in Russland einreisen.

Wir nutzten unseren Vorsprung und fuhren nach Rubstovsk, der ersten grösseren Stadt nach der Grenze, um ein Hotel (für die wiederum nötige Registration) und Karten (blöderweise fehlt uns allen eine schlaue Strassenkarte) aufzutreiben. Nach vier Stunden schafften es unsere Freunde auch über die Grenze, wir hatten in der Zwischenzeit trotz vollem Einsatz nichts erreicht. So beschlossen wir, noch am gleichen Abend die Stadt zu verlassen, ausserhalb zu campen und dann am nächsten Tag unser Glück in Barnaul, der Provinzhauptstadt zu probieren. Sofern wir die Receptionistin im Sovietbunkerhotel richtig verstanden haben, sollten wir morgen Nachmittag unsere Pässe mit Registrationszettel zurück erhalten und unsere Route fortsetzen können. In der Zwischenzeit geniessen wir das Leben zurück in der Zivilisation: Zuerst eine warme Dusche, dann Apero und Abendessen im stylischen japanischen Restaurant mit WiFi!

Liebe Grüsse von den Pfusbüsslern & Roelene und Cem

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Responses

  1. Hallo Ihr 2 Weltenbummler, endlich habe ich es geschafft euren Bericht “ reinzusziehen „, ich hatte immer nur den Pfusbus von Pfarrer Sieber gefunden ( war selber schuld , hätte nicht in der Schweiz suchen sollen :-) Ich bedanke mich für die herrlichen Reise und Erlebnisberichte und finde sie unglaublich intressant und die Fotos wunderschön. Weiterhin viel, viel Spass und auch viel Glück im Umgang mit der russischen Seele…sprich den andern Gepflogenheiten und Sitten. Mit ganz lieben Grüssen aus der sommerlich warmen Schweiz und aus Lyss von Ruth


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