Verfasst von: Barbara & Didier | Oktober 25, 2011

Buenos Aires

Hanga Roa, 24.10.2011, 30’600 km

Hola Chicos

Es ist Oktober und die Schaufensterpuppen tragen mini Minis, die farbenprächtigen Blumenbuden platzen aus allen Nähten und soeben wurde Muttertag gefeiert. Wir waren in Buenos Aires sozusagen kopfüber in einer verkehrten Welt gelandet, und das morgens um 5 Uhr. Zwei Stunden später strandeten wir in der Wohnung einer alten Dame, wo wir uns erst mal für ein paar notwenige Stunden auf die müden Ohren legten. Dann ging es zu Fuss motiviert in Richtung Schule, wie sich später herausstellte allerdings volle 180° in die falsche Richtung. Hat uns ja auch keiner gesagt, dass hier mittags die Sonne im Norden steht. Blöder Anfängerfehler heieiei… Im zweiten Anlauf haben wir es dann doch noch an die richtige Adresse geschafft. Die kleine, familiäre Sprachschule war uns auf Anhieb sympathisch, im Gegensatz zu unserer Unterkunft: Während die Dame des Hauses im Speisezimmer am reich gedeckten Tisch das Frühstück zu sich nahm, standen für die vier ausländischen Studenten im stinkenden Gang neben der vergammelten Küche einzig Kaffee und alte (angegessene?!) Zwiebackbruchstücke bereit. Die an sich stilvolle Stube war für uns leider Tabuzone, auf eine Beschreibung des Badezimmers verzichten wir freiwillig. Wir sind uns ja mittlerweile einiges gewohnt, aber alles was recht ist. Wir sind doch keine Dollarscheine schei… Esel! Nach einem vielversprechenden Besuch bei Unterkunft Nummer 2 wurden wir am darauffolgenden Tag quasi aus der Wohnung geworfen und strandeten denn auch eine volle Stunde zu früh bei Familia Ratti. Nach drei Mal klingeln wurde die Türe schliesslich schlaftrunken geöffnet, Samstagmorgen um 11 Uhr ist in Buenos Aires ja auch noch mitten in der Nacht. Aber Rattis hatten volles Verständnis für unseren Überfall und bald sassen alle zusammen beim Frühstück, am selben Tisch! Abends zog es uns in eine Parilla-Beiz (Grill), schliesslich mussten wir uns vergewissern, ob das argentinische Fleisch tatsächlich so gut ist wie sein Ruf. Es ist gut, und der Wein auch! Wir sind ungewollt in einem ziemlich noblen Restaurant gelandet, haben sehr gut gegessen und getrunken und waren danach trotzdem nicht bankrott. Argentinien gefällt uns, miam! Auch im unteren Preissegment wurden wir kulinarisch nur selten enttäuscht, und unter uns gesagt: Sogar der Big Mac schmeckt in Buenos Aires einfach besser. Ist allerdings gleich teuer wie eine Mahlzeit in einem anständigen Restaurant. Übrigens, als wir spätabends vom ersten Restaurantbesuch zurückkehrten sass die gesamte Familie Ratti vor dem Fernseher und schaute sich die Rugby-WM an ( „Los Pumas“ schafften es dann immerhin ins Viertelfinale). Wir sassen noch nicht auf dem Polster, hatten wir schon ein Glas Bier in der Hand. Irgendwann kamen noch ein paar Kollegen vorbei, und als wir uns schliesslich gegen 02:00 Uhr hundemüde Richtung Bett verabschiedeten, meinten die Jungs, es sei noch zu früh für den Ausgang, um diese Uhrzeit laufe in dem Club noch überhaupt nichts. Ans spät ins Bett gehen gewöhnten wir uns schnell, schwieriger wurde es mit dem Aufstehen. Da unsereins ja brav die Schulbank drückte, fehlten uns jede Nacht mindestens zwei Stunden Schlaf.


Muttertagsessen mit Julien (USA), Barbara, Gastbruder Federico, Didier, Gastbruder Ezequiel, Mama Marta und Gastschwester Maria Eugenia.


Unser vorübergehendes Zuhause ist denkmalgeschützt.

A propos Schule. Jeden Tag mehrere Stunden die Schulbank zu drücken, war wieder etwas völlig ungewohntes. In kleinen, internationalen Klassen ging es in rasantem Tempo vorwärts mit Diskutieren, Erzählen, Lesen, aber auch mit einer gehörigen Portion Grammatik und den schon vor 20 Jahren unbeliebten Rollenspielen! Richtig gemein war, dass jeweils nur Barbaras Klasse Hausaufgaben kriegte und Didier nach dem Ausgang immer direkt ins Bett hüpfen konnte während Barbara sich noch mit dem Subjuntivo und den Preteritos herumschlagen musste. Nebst dem Spanischunterricht gab es ein Kulturprogramm, bestehend aus Filmabenden, Yoga- und Tangolektionen, Nachhilfe (ja, die war auch nötig!), sowie gemeinsamen Essveranstaltungen in verschiedenen Formen. Die Picadas (Fingerfood-Partys) und Parillas (Grillpartys) auf der schuleigenen Dachterrasse fanden wir super, das gemeinsame Pizzabacken hat uns allerdings etwas irritiert. Des Rätsels Lösung: Die Argentinier denken doch tatsächlich, dass Pizza für Nicht-Argentinier etwas ganz spezielles ist! Zur Info: In Buenos Aires servieren mindestens zwei von drei Restaurants Pasta und Pizza. Mit der argentinischen Küche wurden wir sozusagen privat bekannt gemacht. Mehr oder weniger erfolgreich lehrten uns Marta und Fede Quittenkuchen backen und Empanadas formen und bei Anjas WG-Kollegin Clara genossen wir gleich einen ganzen Abend lang einen argentinische Kochkurs. Nach einem witzigen Abend kriegten wir sogar noch die Rezepte zugemailt, muchas gracias Clara!


Schulfreundinnen: Camila, Clara, Mariana, Barbara, Anja, Eva.


Spassige Kochschule mit Clara, Thomas, Eva, Anja und Didier.


Unter kundiger Anleitung am Empanada formen. (Didiers Werke erhielten den Namen „Empanada de Notre Dame“)

Nach der Schule ging das Leben in der niemals schlafenden Grossstadt aber erst richtig los. Wir zogen mit unseren Schulkollegen oder den Ratti-Chicos zu allen Tages- und Nachtzeiten durch die Stadt. Waren wir nicht auswärts unterwegs, gab es bei Rattis garantiert Besuch. Bei bis zu geschätzten zwanzig Argentiniern gleichzeitig in der Hütte war an Schlafen sowieso nicht zu denken, also zogen wir beim Sozialisieren und Mate trinken voll mit.


Gastbruder Federico weiht uns in die Mate-Zubereitung ein…


… während Kollege Andres alles auf Papier festhält.


Dubelisichere Mate-Anleitung

Buenos Aires ist riesig, schnell, laut, gefährlich, architektonisch ziemlich unattraktiv. Die „Porteños“, so nennen sich die Locals, machen aber alles wett. Kulturell läuft immer etwas. Wir waren in Peñas (Folklorekonzert und –Tanz), coolen Bars, Cafés, Museen und auf tollen Strassenmärkten. Die Buschauffeure sind hilfsbereit (ist auch nötig, das System ist für Anfänger eher kompliziert) und alle Leute lassen uns zum gegenseitigen Amüsement wirklich spanisch sprechen, ohne dass wir mit englisch abgewürgt werden, auch wenn die Bestellung mal ein bisschen länger dauert. Ausgeraubt wurden wir (noch?) nicht, obwohl auch schon ein Gauner die Finger in Didiers Hosentaschen hatte.


Wenn gerade kein Putsch stattfindet, können die Argentinier alle paar Jahre das kleinste von mehreren Übeln in das hübsche rosa Haus wählen. Frau Kirchner darf seit letztem Wochenende nochmals ein paar Jahre weitermachen.

Alle Argentinier tanzen Tango, so dachten wir zumindest. Weit gefehlt, obwohl der Tango ein urtypisches Element der argentinischen Kultur ist, gibt es ihn eigentlich nur von Strassenkünstlern, in Touristenshows oder in den Milongas, einer Art Tangoparty zu sehen und zu tanzen. Wir liessen uns von dem nicht abschrecken, nehmen nun bei Tanzlehrerin Barbi Lektionen und üben mehr oder weniger fleissig zu Hause, natürlich zu den hilfreichen Kommentaren der nicht-tanzenden Rattis. Uns gefällts, und obwohl der Einstieg definitiv nicht einfach ist, sieht es wirklich schon nach Tango aus, auch wenn die ganz coolen Moves noch fehlen.


Und sie tanzten einen Tango…


… und sie auch.

An der Pfusbusfront wurde es ein bisschen ruhiger: Endlich ist unser Liebling unterwegs, allerdings dauert es noch bis Anfang November bis zur Ankunft in Buenos Aires. Um die Zeit zu überbrücken, schmiedeten wir schon bald verschiedene Pläne. Iguazu-Fälle oder Uruguay, Peninsula Valdez oder Salta? Nach drei Wochen Buenos Aires war allerdings klar: Wir sind reif für die Insel! Über Amigos von Amigos organisierten wir kurzfristig Flugtickets zum Einheimischentarif und sassen kurz darauf auf Nadeln, meldete sich doch der Vulkan Puyehue drei Tage vor Abflug mit einer riesigen Aschewolke über Buenos Aires. Keine Flüge und Weltuntergangsstimmung in der Stadt. Die Vulkangötter waren uns aber freundlich gesinnt und liessen just am richtigen Tag das Fliegen wieder zu, Glück gehabt! Wo wir jetzt sind? Auf der Osterinsel am Steinmänner gucken!

Liebe Grüsse von der anderen Seite der Kugel, die Pfusbüssler

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