Verfasst von: Barbara & Didier | Dezember 22, 2011

Vom Atlantik in die Anden

El Calafate, 22.12.2011, 35’380 km

Liebe Familie, liebe Verwandte und Altbekannte aus der Heimat, liebe Neubekannte aus aller Welt und liebe unbekannte Leser

Wir schreiben den 22. Dezember 2011, das Jahr geht dem Ende zu und Weihnachten steht vor der Tür. Exakt der richtige Moment, um Euch allen herzlich zu danken: Für das riesige Interesse an unserem Unterfangen. Für die lieben Kommentare und E-Mails. Für die herzliche Gastfreundschaft und immense Hilfsbereitschaft. Für die spannenden Gespräche und wunderbare Momente ohne Worte. Für die vielen wertvollen Tipps und Tricks. Denn eins wissen wir ganz genau: Ohne Euch wäre diese unsere Reise nicht was sie ist. Und sie ist schlicht das Beste, was uns passieren konnte! Wenn Ihr jetzt also noch nicht so genau wisst, welchen Vorsatz Ihr für das 2012 nehmen sollt, dann hätten wir einen Tipp: Geht reisen!

Doch blicken wir nun zurück auf die vergangenen Wochen, es ist viel passiert! Immer noch mit Manu und Kai unterwegs, rollten wir langsam aber sicher der Atlantiküste nach gegen Süden. Am Cabo dos Bahias waren wir deutlich in der Unterzahl, betrug doch das Verhältnis Mensch zu Pinguin 4:25‘000, wobei der Pinguinanteil erst noch laufend zunahm. Freudig stellten wir nämlich fest, dass sich die ersten Jungen gerade aus ihren Eierschalen zwängten.


Pingu-Paradies.


Alles klar, Grosser?

Nachdem wir mehrere Nächte in unseren in den Orkanböen heftig schaukelnden Fahrzeugen schier seekrank wurden, verschlug es uns zwecks fehlender Alternative zu einer einsam gelegenen Fabrikanlage direkt am Strand. Mathias, der Jefe vor Ort, begrüsste uns  auf Englisch, was uns doch etwas spanisch vorkam. Des Rätsels Lösung: Einige Arbeiterhäuschen der nach wie vor Agaragar produzierenden Fabrik wurden zu einem Ferienresort umfunktioniert. Mathias wies uns sogleich einen windgeschützten Parkplatz vor den Fabrikmauern zu und lud uns ein, die verschiedenen Räumlichkeiten mitzubenutzen. Der Livingroom machte seinem Namen alle Ehre und  Manu und Barbara waren sich sofort einig, da war ein Einrichtungsprofi am Werk. Begeistert vom Ambiente bestellten wir ein Bier wohlweislich ohne nach dem Preis zu fragen – es lässt sich einfach besser geniessen so – und machten es uns in den Armstühlen und auf den Schaffellen bequem. Spanische Nüsschen knappernd liess es sich herrlich in tollen Patagonien-Bildbänden (die Männer) und Einrichtungsmagazinen (die Frauen) schmökern. Auf der ersten von Barbara aufgeschlagenen Seite blickte ihr der auch von uns in Colonia fotografierte rote Oldtimer entgegen (siehe letzter Blog), auf der nächsten Doppelseite Mathias und genau jene Armstühle, in welchen wir gerade sassen. Zufälle gibt’s! Zu fortgeschrittener Stunde zurück in unseren eher praktisch denn stylisch eingerichteten Camionetas taten Manu und Barbara, was frau in der Vorweihnachtszeit so tut: Die Männer aus dem Haus bzw. Auto schicken und Weihnachtsgüezi backen. Wie das geht? Man nehme ein Mödeli gesalzene Butter, ein geschätztes halbes Kilo Mehl, eine Handvoll Zucker aus Kasachstan und zwei aus Südamerika und vermische alles mit der Hälfte von drei verquirlten Eiern. Auswallen funktioniert gut mit einer Glasflasche, zum Ausstechen eignet sich ein Schnapsglas und backen tut man das Ganze in der Bratpfanne. Et voilà. Die Mailänderli schmeckten allerdings ganz und gar nicht nach Mailänderli, so dass sie einen eigenen Namen erhielten: Patagonierli!


Foto vom Foto mit Manu und Kai.


Unsere Lieblingsweihnachtsgüezi 2011: Patagonierli.

Am nächsten Morgen hiess es Abschied nehmen von Manu und Kai und schon rollten wir wieder alleine mit dem Pfusbus durch die Gegend. Wir steuerten unser Gefährt langsam gegen Westen, weg von der Atlantikküste und hin zu den Anden. Weniger Wind gab es deswegen aber nicht. Mal auf der legendären Routa 40, mal auf Nebenfeldwegen rumpelten wir wortwörtlich durch die Pampa und entdeckten zwischendurch immer wieder faszinierende Orte wie versteinerte Wälder oder die Cueva de los Manos. Kaum etwas von Menschenhand geschaffenes in Argentinien ist älter als 200 Jahre, in Patagonien allerdings findet man in Höhlen tausende Jahre alte Graffitis und Airbrushs von den Ureinwohnern.


Sieht aus wie Baum, ist aber Stein, oder doch nicht?


„Primitive Art“: 7000 Jahre alte Handabdrücke.

Unser erstes Andenhighlight sollte der Parque National Perito Moreno werden. Moreno selbst war ein Forscher und nach ihm sind ein Städtchen, ein Gletscher und ein Nationalpark benannt. Ersteres könnte man gut links liegen lassen, wenn dort nicht die letzteTankstelle und Mobileempfang für die nächsten 500 km wären. Wählt man zudem noch den Umweg in den gleichnamigen Nationalpark, wird die Durststrecke nochmals 250 km länger und der Pfusbus stösst trotz zwei Reservekanistern an seine Leistungsgrenze. Kanister 3 und 4 hatten wir anno dazumal verschenkt, schön zu wissen, dass wir damit wenigstens einen Mongolen sehr, sehr glücklich machten. Der Abstecher lohnte sich aber unbedingt. Mit durchschnittlich 1200 Besuchern pro Jahr gehört der Park eher zu den Mauerblümchen, ist aber wunderbar einsam, wild und erst noch gratis. Letzteres ein nicht ganz unwichtiges Merkmal in einem Land, wo Eintritts- und Übernachtungspreise für Ausländer um ein x-faches höher sind als für die Einheimischen. Am hübschen Lago Burmeister richteten wir uns zum Bleiben ein und trafen dabei auf die Holländer Bram und Anouk, das bisher erste Päärchen mit einer ähnlichen Reiseroute. Kein Wunder, kamen wir aus dem Reiseerfahrungen austauschen drei Tage lang gar nicht mehr hinaus. Die Campingstühle verliessen wir nur um Wasser für den Mate zu kochen, Brennholz zu suchen und zu schlafen.


Wer sucht, der findet auch im eingezäunten Patagonien tolle Pfusplätze.


Mit Anouk und Bram. Globetrotter unter sich.

Dank dem Tipp von Familie Wolfen verschlug es uns schliesslich ans Ufer des Lago Cardiel, wo der Wind für zwei Tage Pause einlegte und wir uns in Shorts und Flipflops  ans Grittibänzbacken machten, schliesslich schrieben wir den 6. Dezember. Das Resultat war allerdings eher ernüchternd, zukünftig grillen wir besser wieder Fleisch statt Bänze.
Sollen wir oder sollen wir nicht nach El Chalten, einer der vermeintlichen Touristenhochburgen in Patagonien? Wir entschieden uns für ja, und sollten es nicht bereuen. Das Wetter war bombastisch und bereits von weit her waren die Gipfel des Mount Fitz Roy und Cerro Torre zu erkennen. Wie wir später erfuhren, werden nur ganz wenige Neuankömmlinge mit diesem Panorama beehrt, denn die Region ist für notorisch schlechtes Wetter bekannt.Das Leben meinte es wiedermal sehr gut mit uns, und das nicht nur wettertechnisch: Von unseren Villa-Venus-Freunden bekamen wir den Tipp, beim Centro Alpino vorbei zu gehen und nach Carsten zu fragen. Also los, doch Carsten war gerade für länger nicht da. Dafür waren da: Seilschaft 1 bestehend aus Päde, Andy, Lorenz und Andi, Seilschaft 2 bestehend aus Roger und Simon und Seilschaft 3 bestehend aus Marcel und Stefan. Alles Schweizer ausser dem Südtiroler Simon, alles leidenschafliche Kletterer und alle mit grossen Bergsteigerplänen in Patagonien. Obwohl, oder gerade weil wir von der Bergsteigerei so gut wie keine Ahnung hatten, wurden wir herrlich aufgenommen, der Pfusbus im Vorgarten platziert und los gings mit unserer Einführung in die Freuden und Leiden der Kletterei in Patagonien.

Lektion 1: Patagonien hat die wohl interessantesten Kletterberge der Welt, aber auch die schwierigsten.
Lektion 2: Ohne Schönwetterfenster geht nix, gar nix.
Lektion 3: Entweder man hat gute Laune beim Warten, gute Laune beim Klettern oder gute Laune beim Feiern.
Lektion 4: „Dr Gipfel isch nur dr halbi Berg.“ (Zitat Marcel)
Lektion 5: Maestri war auf dem Cerro Torre, oder doch nicht? (Nicht nur für Insider eine unglaublich spannende Geschichte, googelt mal!)
Lektion 6: „Mängmal muesch eifach au öppis probierä!“ (Zitat Lorenz)
… und so weiter.


Dieses Panorama hat Seltenheitswert: Rechts Mt. Fitz Roy und Poincenot. Links der Cerro Torre und seine Brüder.


Sherpa Rohrer auf dem Gletscher mit ein bisschen Wind. Im Hintergrund der Mt. Fitz Roy.


Los expertos: Lorenz, Andy und Päde.

Zwei Tage nach unserer Ankunft bestieg Didier mit Lorenz, Andy und Patrick den Gletscher zum Fitz Roy in der Absicht, Material für die Kletterei näher an die Wand zu bringen. Leider musste die Expedition vorzeitig wegen Lawinengefahr und Sturm abgebrochen werden, die Fotos waren es aber wert! Dann war es endlich da, das Schönwetterfenster! Der Pfusbus wurde sofort zum Bergsteigertaxi umfunktioniert und eine Seilschaften nach der anderen soweit wie möglich näher an die Startpunkte chauffiert. Schliesslich waren wir nur noch zwei. Also packten auch wir unsere Rucksäcke mit Zelt und Food und machten uns auf eine dreitägige Schönfensterwetterwanderung vorbei an idyllischen Seen und Wäldern und immer mit Sicht auf die markanten Berge Mt. Fitz Roy oder Cerro Torre. Im Vergleich zu den meisten anderen (Halbschuh- und Minirock-)Wanderern waren wir material- und kleidermässig eindeutig overdressed, oder nennt man das in Argentinien underdressed?


Kohlenhydratefuttern vor dem grossen Angriff! Von links: Päde, Marcel, Stefan, Barbara, Andy, Simon, Roger, Lorenz, Andi. Vielen Dank für eure Gastfreundschaft und die tolle Zeit mit euch!!!


24:00 Uhr: Die Silberfüchsler und der Transportbus sind ready to go.


Hier hangen irgendwo die Kollegen Bergsteiger in der Wand (Ihr müsst nicht suchen, keine Chance was zu erkennen!).


Cerro Torre und seine Laguna morgens um 5.


Ja, wir mögen die Berge.

Einen Tag nach uns trudelten auch die Jungs nach und nach wieder beim Centro Alpino ein. Zwar wurden nicht ganz alle Ziele erreicht, aber alle waren gesund und zufrieden zurück, Grund genug für zahlreiches Anstossen im Centro und in der berühmtberüchtigten Cervezeria. Für uns folgten nach der theoretischen Einführung ins Bergsteigersein die praktischen Übungen am Fels, bis Didier vor lauter Muskelkater in den Unterarmen die Pfusbustüren kaum mehr aufbrachte. Herzlichen Dank Marcel und Stefan! Sozusagen als Cumbre fand just an unserem letzten Abend in El Chaltén ein wildes Asado (traditionelle argentinische Grillparty) mit dem halben Dorf statt. Ein Fest, das diverse Spuren hinterliess, legendär würden wir meinen!


Beim Cumbre-Bier (Cumbre=Gipfel).


In der Praxis.


Vorher…


… nachher: Zu diesem Zeitpunkt hatte das Asado schon eine gewisse Stimmung erreicht!

Wir verliessen El Chaltén am Montagmorgen nach dem Katerfrühstück und machten uns auf weiter in Richtung Süden, wo wir ein schönes Plätzchen für die Weihnacht suchen werden. Wir hoffen, auch ihr findet alle euer schönes Örtchen, um die Festtage zu geniessen! Frohe Weihnachtstage und alles Gute fürs neue Jahr!

Hasta luego, los Pfusbüssleros

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Responses

  1. Hallo Pfusbüssler! Ich wünsche euch auf diesem Wege ein gutes, neues Jahr! Euren Erzählungen nach, scheint es ja prächtig begonnen zu haben; und es tönt fast so, als ob ihr das Leben „on the road“ gerne noch etwas fortsetzen möchtet! Mit viel Interesse und einer gesunden Portion Neid lese ich jeweils von euren Abenteuern während hier bei uns alles in recht gewohnten Bahnen verläuft mit einigen Ausreissern nach oben und wenigen nach unten. Häbets no guet und ich freue mich, hoffentlich in mittelfristiger Zukunft ein paar Anekdoten face to face zu hören! Liebi Grüess aus der Suppe Chrigi

  2. Sälü Zäme, ich hoffe Ihr habt einen schönen Platz gefunden um die Weihnachten zu Feiern. Nun haben wir schon das Jahr 2012. Ich wünsche euch alles Gute noch viele schöne Erlebnisse und Bekanntschaften. Und Danke für die Wunderschönen Blogberichte!
    Liebe Grüsse therese

  3. hoffe, deine unterarme haben sich wieder erholt!!!
    wie war’s in den schlachthof-gängen beim perito-moreno?

    schöni ziit no z’patagonie!

  4. Liebe Barbara, lieber Didier

    Besten Dank für die spannende lebhafte Reiseberichtserstattung während dem gesamten Jahr. Mit Freude habe ich eure Reise mitverfolgt (und werde das auch weiter tun). Manchmal bekam ich beinahe den Eindruck, auch „auf Reisen zu sein“ – zumindest in Gedanken. Toll!

    Alles Gute zum Jahreswechsel,
    gruss Chrigu


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