Verfasst von: Barbara & Didier | Januar 22, 2012

Von Ushuaia auf die Carretera Austral

Puyuhuapi, 22.01.2012, 39’810 km

Was tut man, wenn man bis ans Ende der Welt fährt und merkt, dass dort eigentlich gar nichts besonderes zu finden ist?

Wir hatten ja ganz genau auf der Karte nachgeschaut und gemerkt, dass die wunderschöne und wilde Gegend hinter der Estancia Harberton (siehe letzter Blog) südlicher liegt, als das eigentlich als Ende der Welt angepriesene Ushuaia. So gesehen, konnte es nach unseren Tagen in der Einsamkeit eigentlich nicht mehr südlicher und nicht mehr besser kommen, als wir in Ushuaia einfuhren. Leider wurden wir nicht positiv überrascht, die Stadt hat uns nicht sonderlich gut gefallen. Das obligate Foto „Fin del Mundo“ liessen wir uns natürlich trotzdem nicht entgehen, auf die sonst touristisch obligatorischen Bootstouren in den Beaglekanal verzichteten wir aber dankend. Wir hatten vorher schon alle dort eventuell sichtbaren Tiere mit Hilfe des Pfusbus oder per Pedes gesehen und liessen die Pesos dort wo sie waren, in unseren Portemonnaies. Eine richtige Tour in die Antarktis wäre hingegen schon was gewesen, allerdings reichte dafür unser Budget nun doch nicht mehr aus; ab 4000 USD pro Person, last Minute versteht sich.


Touristisch gesehen jetzt erst am Ende der Welt.


Könnte auch Bümpliz sein, ausser dass es am Ende der Welt liegt: Ushuaia.


Der Hafen hingegen, der hat Charme.

Wir beschlossen nach Ushuaia einige Tage den Bleifuss einzulegen, um baldmöglichst in Chile die Carretera Austral in Angriff nehmen zu können. Die Nationalparks im Südwesten hatten wir ja alle schon wohlweislich vor der Tourismushochsaison besucht, weshalb wir dem Atlantik folgend nach Norden und dann wieder westlich in Richtung Anden fuhren. Wie schon in Asien folgten wir also auch in Südamerika stilistisch und geografisch einer 8, wieso jetzt noch etwas neues anfangen? Begleitet wurden wir für zwei von drei Autotagen von John und Micah aus Texas. Die beiden Hitchhiker verdienten sich ihre Passage, indem sie während der Fahrt stets für frischen Mate oder Kaffee sorgten. Sowieso liess sich die öde Pampa Patagoniens zu viert psychologisch einfacher durchqueren, konnten doch drei Passagiere gleichzeitig den gelangweilten Fahrer vor Kurven warnen (im Schnitt etwa zwei Kurven pro Tag). Der die ganze Zeit über hartnäckige Gegenwind trieb den Pfusbus zu Höchstleitungen an, wir hätten nie geglaubt, dass unser Kleiner so viel saufen kann. Aber das ist ausnahmsweise ok, schliesslich fährt er uns seit bald 40‘000 km souverän durch die Welt. Tanken ist in Argentinien übrigens so was wie eine Lotterie: Die Hälfte aller angepeilten Tankstellen – und wir peilen mittlerweile jede an – haben keinen Sprit. Das macht das Leben on the road zwar nicht einfacher, aber definitiv spannender. Die nötigen drei Grenzübergänge bis nach Chile Chico absolvierten wir und der Pfusbus souverän, einzig eine Zwiebel musste daran glauben. Sie wurde vor der fachgerechten Entsorgung noch grammgenau gewogen und protokolliert, soviel Korrektheit muss in Chile schon sein. Unsere Alibipackung abgelaufenen Parmesan, welche wir immer allen chilenischen Zöllnern proaktiv entgegenstrecken, haben wir hingegen immer noch in der Kühlbox!


Technisch schwierigste Passage in der Pampa: Kurve und Hügel gleichzeitig.


Mateista und Barista John macht sich gut im Pfusbus.

Bevor die eigentliche Carretera Austral beginnt, folgt die Strasse zuerst noch dem Lago Buenos Aires auf argentinischer Seite, respektive dem Lago General Carrera auf chilenischer Seite (es handelt sich natürlich um den gleichen See, den zweitgrössten in Südamerika). Barbaras Magen nutze unseren ersten Pfusplatz auf chilenischer Seite, um zu rebellieren, worauf wir einen Tag aussetzten und Didier aus Langeweile jede Menge am Pfusbus und Inhalt verbesserte oder flickte. Wir sind am Zeitpunkt, wo sich zeigt, welches Material auch nach fast einem Jahr Dauereinsatz noch nicht schlapp macht. Blöderweise muss jedes schlapp machende Teil geflickt, ersetzt oder im Notfall ignoriert werden, was uns auf Trab hält. Ein Hoch auf die Erfinder von Nadel und Faden, Klebeband, Silikon, WD40 und Flüssigmetall. Und ja, auch das Swiss Army Material hält nicht immer durch, wenigstens war es im Gegensatz zu einigem hochtechnologischen Trekkingmaterial billig.


Der Weg ist das Ziel am Lago General Carrera.


Bootsfahrt zu den Catedrales de Marmol mit…


…exklusivem Badevergnügen.

Die Carretera Austral bietet dem Auge allerlei; verschneite Gipfel, hängende Gletscher, stahlblaue Seen, üppiges Grün. Ganz so abenteuerlich wie nach all dem Gelesenen und Gehörten angenommen, ist sie allerdings nicht (mehr). In den Dörfern gibt es alles zu finden, was der Reisende begehrt, das Verkehrsaufkommen ist überraschend gross (und aggressiv) und schier jeder Fleck ein Privatgrundstück. An der nonstop abgezäunten Carretera ein schönes Pfusplätzchen zu finden, wird des Öfteren zur Herausforderung, damit haben wir nicht gerechnet. Aber wer sucht, der findet. Zum Beispiel auf einem Abstecher ins Valle de los Exploradores. Dort liess es sich wunderbar wild campen, was wir bei schönstem Wetter auch ausgiebig taten. Direkt am Fluss, umgeben von dichtem Urwald und steilen Bergen mit 100 Meter hohen Wasserfällen fühlten wir uns wie in der Wunderwelt von Avatar, herrlich.


Unterwegs im Tal der Entdecker.


Blaue Wesen sind keine aufgetaucht.


Lagerfeuerpizza.

Nebst der schönen Umgebung sind es aber vor allem die Begegnungen mit den Einheimischen, die unsere Reise immer wieder so speziell machen. Zum Beispiel mit dem achtzehnjährigen Miguel, der uns gleich einlud mit seinem Vater, den Brüdern und einem Freund des Vaters auf einem herrlichen Privatgrundstück direkt am Fluss zu campen. Wir haben mit den Jungs über dem Feuer Marshmallows gebraten und bis spät in die Nacht über Gott und die Welt und Fussball und Fischen diskutiert. Oder mit einem Gaucho, der uns zu einem Glas Wein viel über sein Leben erzählt hat, wir aber wegen dem Tempo und der undeutlichen Aussprache leider nur ungefähr die Hälfte mitgekriegt haben. Natürlich musste sich Barbara beim Verabschieden noch auf das Pferd setzen, das kennen wir doch von irgendwo her? Hier in Südamerika treffen wir aber verhältnismässig auch auf sehr viele Europäer mit eigenen zwei oder vier Rädern. Auf der Carretera Austral ist der Fahrradfahreranteil auffällig hoch, Chapeau sagen wir bei diesen Schotterpisten und unzähligen Hügeln da nur. Schade einfach, dass wir unsere Sprachschulgspändli Anna und Beni aus Basel verpasst haben, die beiden radeln jetzt wohl schon durch Feuerland.


Grasen in unserem Garten: Alpakas.


Südamerikanischer Cowboy.


Miguel und seine Männer. Es fehlt Boxerhündin Mafalda.

In Cohayque machten wir wiedermal ein paar Stunden in einer Garage rast, der Motor benötigte neues Öl und die Federung dringend neue Gummipuffer. Die Mechaniker kümmerten sich zu viert um den Pfusbus und unser Mechanikerspanischwortschatz nahm innert kurzer Zeit erstaunliche Ausmasse an. Im topmodernen Heimwerkerparadies kaufte sich Didier schliesslich das längst gewünschte Werkzeugset und glücklich und zufrieden cruisten Pfusbus und Crew über die tadellose Teerstrasse gen Norden. An einer der sehr seltenen Kreuzungen war dann urplötzlich fertig lustig und Didier manöverierte den Pfusbus über eine enge, kurvenreiche Holperpiste mitten hinein in dichten Dschungel. Da hat uns unsere Strassenkarte ja wiedermal einen schönen Streich gespielt, rechneten wir doch noch mit 200 Kilometer mehr auf Teer.


Dschungelpfusplätzchen mit Rund-um-die-Uhr-Unterhaltung: Erst die Vögel, dann die Frösche.


Size matters!


Wasserfall, Gletscher, Urwald, alles auf einmal.

Eine ausgediente Schuttablage auf einer winzigen Lichtung im dichten Urwald wurde dank der Pflanzen- und Vogelwelt zu einem der exotischsten Pfusplätze überhaupt. Fasziniert von der Umgebung machten wir uns am nächsten Tag auf zu einer Wanderung. Erst ging es durch dichten Urwald, dann wurde auf einmal der Blick frei zu einem hängenden Gletscher mit riesigem Wasserfall. Auf der anderen Seite Fjorde des Pazifiks; schon verrückt, was die Natur auf engstem Raum alles bietet. Wir sind gespannt, was noch kommen wird!

Tschau, Barbara und Didier

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Responses

  1. Hey Pfusbüsler :-)
    Super spannend eue Blog, lisene immer ganz begeisteret!
    Wie wit i Norde zieht’s euch? Chönnt sicher 2 Tickets frei mache für euch, falls dir gnue wit ufe chömet u euch mau ine Grossstadt waget mitem Pfusbus ;-)

    Grüessli us Los Angeles,
    Ändu


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