Verfasst von: Barbara & Didier | Februar 8, 2012

Von der Carretera Austral bis San Martin de los Andes

San Martin de los Andes, 08.02.2012, 40’900 km

Buenos dias señoras y señores!
Was ist mit Chaiten? Gibt es das Dorf noch? Ist dort nur noch Mondlandschaft? Hat die Regierung wie angedroht alle Einwohner zwangsumgesiedelt? Die Reisebücher waren veraltet, Blogberichte von anderen Reisenden ebenfalls und die Chilenen selbst übertrafen einander mit Gerüchten und Halbwahrheiten. Fest stand nur, in Chaiten steht einer der zurzeit aktivsten Vulkane der Erde. Also nichts wie hin. Tatsächlich gibt es Chaiten noch. Alles ist im Wiederaufbau und Benzin und Lebensmittel waren problemlos aufzutreiben. Hoch über dem Dorf thront der stets mehr oder weniger rauchende gleichnamige Vulkan, ein Berg von dem die meisten Einheimischen nicht einmal wussten, dass es ein Vulkan ist. Der Ausbruch von 2008 machte das Dorf weltbekannt, glücklicherweise kamen damals keine Menschen ums Leben.


Schafft das der Pfusbus? –klar!


Spuren des Vulkanausbruchs in Chaiten.


Klar mussten wir den Abstecher nach Santa Barbara machen.


Santa Barbara Beach.

Das nächste Mysterium: Wo ist der Pumalin Park? Dieser Park wurde von Doug Tompkins, dem Gründer von Esprit und Northface initiiert. Er und reiche Mitstreiter kaufen so viel Land wie möglich auf, um es als Naturpark vor dem Zugriff der Menschen zu schützen. Bedrohungen gibt es in dieser Gegend genug: Pläne sind vorhanden und teilweise schon in der Umsetzung, neue Strassen zu bauen oder alles zwecks Energiegewinnung unter Wasser zu setzen. Immer wieder werden neue Rohstoffe entdeckt und ohne Rücksicht auf Verluste ausgebeutet. Was die Natur freut, ärgert die Politiker und Industriellen, weshalb Pumalin mit jeder Menge behördlicher Wiederstände zu kämpfen hat und auch in keiner staatlichen Touri-Info auftaucht. Wir fanden den Park trotzdem und waren auf Anhieb fasziniert. Von der Ordnung auf den (obligatorischen, aber günstigen und superschönen) Campingplätzen, vom parkeigenen Supermarkt (welcher gebaut wurden, als die Regierung die Gegend von der Aussenwelt abschneiden liess), von der Kompetenz der Park Ranger (da hatten wir ja schon anderes erlebt), vom Konzept Gratiseintritt für jedermann, von den Naturlehrpfaden, von der Schönheit der Natur und den faszinierenden aktiven und inaktiven Vulkanen. Höhepunkt war die Besteigung einer Flanke des Chaiten-Vulkans in einer saumässig steilen Wanderung. Zwei Schritte rauf, einen runter, das Bimsstein-Asche-Kieselgemisch hatte es in sich. Der Lohn waren eine wunderbare Aussicht bis zum Meer, eine faszinierende Mondlandschaft um uns herum und der Vulkanschlot zum Greifen nah. Wie in solchen Fällen typisch, war in Sachen Rauchproduktion allerdings just als wir oben waren, tote Hose und dem Vulkan entstieg nur ein warmes Lüftchen. Am nächsten Tag sah dies schon wieder ganz anders aus und nur unsere müden Beine verhinderten einen erneuten Aufstieg zu Fotozwecken.


Tag 1: Der Chaiten gibt Vollgas.


Die Vulkanasche vergiftete oder erstickte ganze Waldstücke.


Spielverderber. Nur warme Luft, als wir oben sind!


Tag 3: Wieder vergnügt am Räuchlen.

Beim Einkaufen trafen wir auf Kiki und Peco aus Futaleufu, welche uns eine Ermässigung und gratis campen bei ihrer Lodge anboten, wenn wir bei ihnen eine Riverraftingtour buchen. Futaleufu gilt als das Whitewater-Paradies schlechthin. Also nichts wie hin, es regnete seit zwei Tagen in Strömen (das erste Mal überhaupt auf der Carretera!) und nass wird man beim Rafting ja eh. Wir parkten den Pfusbus im Garten der Lodge, um uns Tags darauf in die Fluten zu stürzen. Unserem wachsamen Auge entging allerdings nicht, dass der Wasserpegel deutlich gestiegen war seit dem Vorabend. Kein Wunder nach drei Tagen Dauerregen. Die Crew meinte dazu lachend, erst jetzt sei der Futaleufu der richtige Futaleufu. Wegen der langen Trockenperiode sei er in den letzten Tagen so zahm geworden, dass sie sogar mit Familien auf den Fluss gingen. Dass unser Boot aus Sicherheitsgründen noch von zwei Kajaks und einem Rafting-Katamaran begleitet wurde, hat uns dann doch etwas zu denken gegeben. Aber wie sagt man so schön: No risk, no fön. Die erste halbe Stunde war der Hammer. Wir fetzten durch die wilden Wellen, das Adrenalin rauschte durch den Körper und auch als unser holländischer Mitpassagier Bastian nach einem Tauchgang erfolgreich zurück im Boot war, waren alle noch am Lachen. Das änderte sich allerdings schlagartig, waren wir doch plötzlich unter dem gekippten Boot statt drin und die Luft ging schneller aus, als einem lieb war. Bis Barbara es endlich hervor schaffte, dauerte es eine gefühlte Ewigkeit. Die folgende Szene war denn auch filmreif. Es fehlten nur wenige Zentimeter bis zu Didiers rettender Hand, bevor es wasserrutschbahnmässig doch alleine weiter den Fluss ab ging. Kanute Adam half schliesslich aus der Patsche. Nur zehn Minuten später ging die ganze Crew erneut über Bord. Diesmal schafften es die Guides Josh und Peco sowie Barbara zurück ins Boot, doch Didier verbrachte die beiden folgenden Stromschnellenserien im bzw. unter Wasser. Mit einer Einstufung von 4+ ein wilder Ritt! Auch dem Riverrafting erprobten Bastian verging das Lachen, war er doch über 12 Sekunden in einer Wasserwalze und fürchtete um sein Leben. Zurück in der Lodge gab es einen wohlverdienten Spaghettiplausch und beim Fachsimpeln mit den Wildwassercracks fühlten wir uns fast ein bisschen wie in den guten alten Zeiten in El Chalten, nur dass sich damals alles ums Bergsteigen drehte.


Vorher. Das Abenteuer ruft.


Unsere Sicherheitseskorte. Braucht‘s das wirklich?


Während. Hier kippt es uns das zweite Mal. Ab genau diesem Moment waren wir die nächsten Minuten mit „Oben bleiben“ und Wasser schlucken beschäftigt.


Nachher. Ohne Worte.

Der Grenzübertritt nach Argentinien versprach zur Abwechslung wieder einmal etwas Spannung.
Der Herr Beamte (freundlich): Von wo kommt ihr?
Wir (freundlich): Aus der Schweiz.
Er: Im Computer steht Afghanistan.
Wir (erstaunt): Nein, wir sind aus der Schweiz!
Er (streicht sich nachdenklich am Schnauz): In dem Fall seid ihr Schweden.
Wir (bestimmt freundlich): Nein, in dem Fall sind wir Schweizer!
Er: Aber im Computer steht Afghanistan!
Wir: ???!
Er zu seinem Kollegen: Was sind denn Schweden?
Der Herr Kollege: Schweden sind die aus Schweden, Schweizer die aus der Schweiz.
Er (rückt Lesebrille zurecht): Grummel, grummel…
Schliesslich druckte der Herr Beamte die Papiere aus, wie sie waren, strich Afghanistan von Hand durch und schrieb Schweiz hin. Ob Afghanen, Schweden oder Schweizer, Hauptsache Europäer!

Voller Elan steuerten wir den Pfusbus (nach einem kurzen Boxenstopp wieder mit funktionierenden Kilometerzähler und Tacho) in den Nationalpark Los Alerces. Die Baumriesen mit dem selben Namen können bis zu 4000 Jahre alt werden, die Bestände wurden aber früher wegen der hervorragenden Holzqualität radikal gerodet. Der Nationalpark ist dazu da, die verbleibenden Wälder zu schützen. Nachdem man von uns Gringos an einer Barriere einen saftigen Eintrittspreis verlangte (für die Einheimischen ist es gratis), die Ernüchterung: Im ganzen Park gibt es gerade mal zwei Alercen zu sehen, die eine blutjunge 300 und die andere jugendliche 800 Jahre alt! Als man uns auf einem Parkplatz nochmals Pesos abknöpfen wollte, verstanden wir plötzlich kein Wort Spanisch mehr. Pesos? Ist das etwas zum Essen?


Die 300 Jahre junge Alerce.


Zirkus-Kleinkunst auf dem Hippiecamping.

Weiter zog es uns ins ehemalige Hippiedorf El Bolson, heute ein buntes Gemisch aus Althippies, Möchtegernhippies und vor allem vielen Touristen. Nach ein paar Stunden auf dem berühmten aber irgendwie nicht sonderlich beeindruckenden Artesania-Markt zogen wir uns auf einen abgelegenen Hippie-Campingplatz zurück, wo die kleinste Verkaufseinheit vom selbstgebrauten Bier eine Literflasche ist und ein Zweipersonenzirkus abends den wenigen Anwesenden unter freiem Himmel eine herrlich naive Show bot.

Der Entscheid, um das Touristenmekka Bariloche einen Bogen zu machen, fiel uns leicht: Erstens hatten wir in El Bolson bereits wieder genug Zivilisationsluft geschnuppert und zweitens warnten uns Einheimische und Touristen gleichermassen davor, den Pfusbus in Bariloche auch nur drei Sekunden aus den Augen zu lassen. Aber erstens kommt es anders, und zweitens, na Ihr wisst schon. Schliesslich waren wir drei Tage dort, und was für welche. Am ersten Tag feierten wir ein freudiges Wiedersehen mit Anouk und Bram, welche nicht nur wieder ohne Rob, sondern auch ohne Landrover unterwegs waren. Es war nach zwei Jahren Overlanderleben ihr erster Tag als Backpacker, und bereits hatten sie die Nase voll. Können wir gut verstehen! Morgens um drei waren wir dann alle voll, allerdings in anderem Sinn. Tags darauf ging es Schlag auf Schlag: Erst wurde der Pfusbus mit den zwei Backpackernovizen und ihren beiden Rucksäcken beladen. Dann füllten Anouk und Barbara wieder mal einen Einkaufswagen, mittlerweile sind die beiden ja alte Hasen in diesem Geschäft. Schliesslich verluden wir auch noch Patricia, Barbaras Busenfreundin aus der Heimat, und ihren Freund Philipp mit ihren beiden Rucksäcken in den Pfusbus, was definitiv zu einem neuen Laderekord führte! Reif für das Guinnessbuch der Rekorde war es trotzdem nicht, in Zentralasien hätten mindestens noch 15 Personen mehr reingepasst. Zu sechst machten wir uns also auf die Suche nach einer Cabaña, so nennt man die südamerikanischen Ferienhäusschen. Um Bariloche gibt es sicher eine Million davon, wegen dem Asche spuckenden Vulkan Puyehue stehen aber auch jetzt mitten in der Hochsaison viele frei, sehr zum Leidwesen der Besitzer. Das ist vor allem auf die viele Negativwerbung zurückzuführen, denn meistens ist die Luft rein. Die Suche war dann trotzdem nicht ganz so einfach, weil meistens vier der sechs Betten für Kinder gedacht sind, wo nur Barbara reingepasst hätte, die einzige in der Gruppe unter 1.80 Meter! Schliesslich kamen wir in einer hübschen Cabaña von Lucia und ihrem Mann unter und verbrachten eine wunderbare Zeit mit Quatschen, einer Parilla und Geburtstagstorte essen.


Nesthäkchen Anouk feiert Geburi.


War toll, Euch alle zu sehen! Hasta luego!

Die Stunden vergingen viel zu schnell und schon hiess es wieder Abschied nehmen: Für Anouk und Bram ging es nach zwei Jahren on the road langsam aber sicher Richtung Heimat, Patricia und Philipp setzten ihre Südamerikareise fort Richtung Süden und wir rollten weiter in den Norden. Auf der Routa de los Siete Lagos ging es zuerst mal rein in die Aschewolke vom Puyehue, die regelmässig den südamerikanischen Flugverkehr lahmlegt, als hätte dieser nicht schon so genug Probleme mit der Zuverlässigkeit. Der Spuk war schon nach wenigen Kilometern vorbei und wenigstens visuell lange nicht so schlimm, wie uns immer wieder weis gemacht wurde. Das ganze Gebiet ist ein einziger riesiger Nationalpark und campen nur an ausgewiesenen Plätzen gestattet. Der erste Stellplatz war paradiesisch, direkt am See, weit und breit keine Menschenseele und wundersamerweise nicht zugemüllt.


Blick aus dem Pfusbus-Schlafzimmer. So macht aufstehen Spass!


Geisterstimmung in der Aschewolke.

Der zweite Platz war ebenfalls wunderbar gelegen, hatte aber wie die allermeisten Plätze, wo die Argentinier und Chilenen mit dem Auto hinkommen, zwei Haken: Erstens war alles mit Abfall übersät und zweitens ist es insbesondere Nachts lauter als in einer Disco. Da helfen nicht einmal mehr die Oropax! Wir werden nie verstehen, wie man in dieser wunderbaren und friedlichen Umgebung jeglichen Müll inkl. menschliche Aussonderungen einfach liegen lassen kann, Bäume zur Feuerholzgewinnung massakriert werden und die Musik rund um die Uhr aus den Boxen dröhnt, ohne jegliche Rücksicht auf Natur und andere Camper. Zum allerersten Mal auf unserer Reise krochen wir mitten in der Nacht wieder aus den Schlafsäcken, um ein anderes Pfusplätzchen zu suchen. Es war dann zwar illegal, aber herrlich ruhig!
Gute Nacht und bis zum nächsten Mal, die Pfusbüssler


(Foto zur besseren Illustration geringfügig nachbearbeitet)


Responses

  1. Hallo ihr 2 herrlichen Wandervögel und Riverrafter :-). Der ganze Bericht ist sehr spannend geschrieben und es macht echt Spass eure Reise auf diese Weise mit erleben zu dürfen.Herzlichen Dank für die schönen Bilder frei Haus und Didier ein Kompliment , er sieht ganz neu und lustig aus mit den langen Haaren :-)…weiterhin gute Fahrt und viel , viel Gfreuts und herzliche Grüsse aus der eher eisigen Schweiz brrrr Ruth

  2. Hey Ihr zwei weiter gute Reise und vielleicht habt ihrs schon gehört.

    LG Mäse

    http://blog.tagesanzeiger.ch/outdoor/index.php/16542/zwei-jungkletterer-spalten-die-alpinistengemeide/


Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Kategorien